Hilfe, Mutanten! Oder so…?

Wusstet ihr, dass Laktoseintoleranz der Normalfall bei Menschen ist? Ich auch nicht! Ich bin selber laktoseintolerant und habe es erst mit Anfang 20 gemerkt. Wie man sowas erst so spät merken kann? Naja, ich dachte bis dahin immer dass Völlegefühl, Bauchschmerzen und Blähungen einfach ganz normale Dinge sind, die sich im Körper eben bei der Verdauung abspielen. Als ich dann aber angefangen habe mehr und mehr Sport zu machen, richtete sich meine Aufmerksamkeit auch langsam auf meine Essgewohnheiten aus. Was esse und trinke ich eigentlich so? Ich wollte mich gesund ernähren, um meinem Körper mit guter Energie für das Studium und für den Sport zu versorgen. Und auf einmal fiel es mir vermehrt auf, dass es mir meistens ziemlich schlecht ging nachdem ich Milchprodukte zu mir genommen habe: Eis, Milch, Milchshake, Proteinshakes, Sahnesaucen usw. Ich hatte je nach Menge der Milchprodukte leichte Bauchschmerzen bis zu fiesen Bauchkrämpfen, unangenehm stinkende Pupse bis hin zu echt übelriechendem Durchfall. Ja, ich schreibe über Pupse und Durchfall, na und? 😛

Zu der Zeit habe ich mich furchtbar über meine Intoleranz geärgert. Das kann doch nicht sein, dass ich so normale Sachen wie Milch nicht vertrage. Warum bin ich denn so unnormal? Naja, des Problems Lösung lag sehr nahe, Werbung dazu gab es ja überall: Laktase Tabletten. Also bin ich ca. 2 Jahre lang fleißig in die Apotheke gegangen und habe mir Laktase Tabletten gekauft und habe mir immer ein paar davon vor dem Essen eingeworfen, damit ich das ganze leckere Zeug mit Milch essen kann. Mit der Lösung ging es mir auch eine ganze Zeit lang ganz gut. Außer wenn ich mal wieder meine Tabletten vergessen habe, was bei meiner Vergesslichkeit leider etwas häufiger vorkam…

Aber irgendwas fühlte sich dabei immer komisch an. Ich habe lange nicht verstanden was es war. Und dann kam meine liebe Freundin und Biochemikerin Lea daher, die gerade das Buch Darm mit Charme las und erzählte mir aufeinmal, dass Laktoseintoleranz der Normalfall bei Menschen sei und dass die Laktosetoleranz durch eine Mutation des LCT-Gens entstanden ist. Wie bitte waaaaaaas? Hatte ich das bisher alles vollkommen falsch verstanden oder was geht? Und dann ging die Recherche los.

Was genau ist eigentlich eine Laktoseintoleranz? Laktose ist ein Zweifachzucker, der in Milch enthalten ist. Deswegen spricht man auch von Milchzucker. Dieser Milchzucker wird von dem Enzym Laktase in zwei Zuckermoleküle gespalten: Galactose und Glukose. (Mai-Fact: die Endung -ose zeigt in der Chemie an, dass es sich im einen Zucker handelt; die Endung -ase hingegen zeigt an, dass es sich um ein Enzym handelt.) Wenn ich laktoseintolerant bin, bildet mein Körper nicht oder nicht genug Laktase, um den Milchzucker zu spalten. So gelangt der Milchzucker in den Dickdarm und durch Darmbakterien entstehen dort Stoffe, die dem Körper nicht guttun: Milch- und Essigsäure, Kohlendioxid, Wasserstoff und Methan. Das heißt, wenn ich mir Laktase Tabletten gekauft und sie genommen habe, habe ich meinem Körper das Enzym Laktase zugeführt, damit es in meinem Magen die Laktose zerteilen kann. Wenn ich laktosefreie Milch gekauft habe, dann hat die Milch Laktase enthalten, die den Milchzucker schon für mich gespalten hat. (Mai-Fact: Weil der Zweifachzucker Laktose in der laktosefreien Milch schon gespalten wurde, liegen 2 Zuckermoleküle vor und die Milch schmeckt süßer.)

Ok, soweit so gut, aber wie ist das jetzt mit der Mutation? Evolutionär hat der Mensch bis vor 10.000 Jahren keine Muttermilch von anderen Lebewesen außer der eigenen Mutter zu sich genommen. Da die menschliche Muttermilch auch Laktose enthält, sind Babys in der Lage Laktase zu produzieren. Diese Laktase Produktion schaltet sich normalerweise nach dem Abstillen langsam ab, sodass Kinder irgendwann keine Milch mehr vertragen. Für das Abschalten der Laktase Produktion ist das LCT-Gen zuständig.

Ok, soweit der Normalfall von Nicht-Mutanten. Wie kommen die Mutanten nun ins Spiel? In der Jungsteinzeit, vor ca. 6.000 Jahren, verstärkte sich der Ackerbau und Viehzucht in Europa. Und mit der Viehzucht kam die Möglichkeit auf, die Muttermilch von Kühen zu sich zu nehmen. Die Evolution nahm ihren Lauf: Die meisten Menschen haben anfangs die Milch nicht vertragen und haben mit den fiesen Symptomen der Laktoseintoleranz wie Blähungen und Durchfall zu kämpfen gehabt. Einige wenige, die die Mutation des LCT-Gens hatten und somit auch über das Kindesalter hinaus Laktase produzieren konnten, waren somit in der Lage beschwerdefrei Kuhmilch zu sich zu nehmen und hatten somit einen erheblichen Vorteil. Sie haben sich eine weitere Nahrungsquelle erschlossen, die ihnen half das Überleben und die Fortpflanzung zu sichern.

Schätzungen zu Folge sind heute nach wie vor ca. 75% der Menschen auf der Welt laktoseintolerant. Im Umkehrschluss sind ca. 25% der Menschen auf der Welt laktosetolerant bzw. laktasepersistent. Puh, weniger Mutanten als bisher gedacht. Ein Forscher*innenteam um die Genetiker*innen Nabil Sabri Enattah (University of Helsinki) und Leena Peltonen (UCLA Medical School, Los Angeles) hat die DNA von 196 laktoseintoleranten Menschen aus Afrika, Europa und Asien untersucht. Die Laktasepersistenz korreliert stark mit dem Konsum von Kuhmilch der jeweiligen Kulturen.

Schweden ist ein Land, in dem schon sehr lange und sehr viel Kuhmilch konsumiert wird, daher sind 98% mutierte laktasepersistente Schweden nicht verwunderlich. In Deutschland sind ca. 85% laktasepersistent, in Japan hingegen nur 2%. Spannenderweise soll der Milchkonsum und die Laktasepersistenz im Kaukasus begonnen und sich nach Westen ausgebreitet haben – jedoch nicht nach Osten wegen des Hochgebirges. Daher sind die meisten Asiat*innen heute nach wie vor laktoseintolerant.

Mein Fazit nach 6 Jahren bewusster Laktoseintoleranz: Es ist vollkommen normal, keine Kuhmilch zu vertragen und ich muss auch nichts künstlich daran ändern. Ich will nicht mal mehr Kuhmilchprodukte zu mir nehmen. Hier ein paar Mai-Facts zum Thema Kuhmilch, die mir erst in den letzten Monaten durch intensivere Recherche klargeworden sind:
– Kühe können nur Milch geben, wenn sie gerade schwanger waren und ein Kälbchen geboren haben. D.h. um Milch zu produzieren, werden Kühe geschwängert, ihnen wird nach der Geburt das Kalb weggenommen und dann wird ihnen am Fließband die Kuh-Muttermilch, die eigentlich für das Kalb ist abgepumpt, damit der Mensch sie trinken kann. Logisch eigentlich, Frauenbrüste geben im Normalfall ja auch nur Milch, wenn sie ein eigenes Baby zu versorgen haben, warum bin ich da nicht früher draufgekommen?
– Durch das dauerhafte Milch Geben sind die Euter der Kühe meistens gereizt, entzündet oder sogar vereitert. Um das vorzubeugen werden die Kühe prophylaktisch einfach mit Antibiotika behandelt. Ziemlich uncool die Vorstellung…
– Not your mommy -> not your milk.

In diesem Sinne
Peace
Mai1

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